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Nestlé Gewerkschaftsnetz




NICHT im Geschäftsbericht!

Der Nestlé-Geschäftsbericht 2008 ist wie seine Vorgänger voller Lobpreisungen für das Engagement des Unternehmens für "Nachhaltigkeit", "gemeinsame Wertschöpfung" ("nicht allein nach Nachhaltigkeit zu streben"), "unsere Mitarbeitenden", die Unternehmensgrundsätze, den neuen Code of Business Conduct und den Global Compact der Vereinten Nationen sowie für seine grundsätzliche Bereitschaft, die Gesetze einzuhalten. All dies wird zusammenfassend als die "grundlegenden Werte Fairness, Ehrlichkeit und Rücksichtnahme auf die Menschen" bezeichnet.

Wenn der Bericht jedoch eine Kernaussage enthält, die alles Gerede über "Anspruchsgruppen" verblassen lässt, dann diese: "Im Jahr 2008 ist es uns einmal mehr gelungen, das Nestlé-Modell nicht nur umzusetzen, sondern zu übertreffen. Das laufende Aktienrückkaufprogramm über CHF 25 Milliarden (USD 22,8/EURO 16,4 Milliarden) und die Erhöhung der Dividende reflektieren unser Engagement, selbst in Zeiten rückläufiger Finanzmärkte Mehrwert für unsere Aktionäre zu generieren".

2008 hat Nestlé für den Rückkauf eigener Aktien an den Börsen CHF 8,7 Milliarden (USD 7,95/EURO 5,73 Milliarden) aufgewendet, um die Zahl der umlaufenden Aktien zu verringern und den Gewinn pro Aktie zu steigern. Das war mehr als die Hälfte dessen, was das Unternehmen für Löhne und Gehälter ausgegeben hat, und fast doppelt so viel wie die Investitionen in Sachanlagen im gleichen Jahr! Ebenso wie die gewaltigen Dividendenerhöhungen bedeutete dies Geld, das nicht für Forschungstätigkeiten, neue Kapazitäten, Ausbildung, bessere Löhne und Pensionen oder sonstige Leistungen für "unsere Mitarbeitenden" investiert wurde. Nestlé nennt dies "gemeinsame Wertschöpfung". In Wirklichkeit aber ist es die zunehmende Umleitung riesiger Barmittel an Aktionäre, darunter an Führungsmitglieder des Unternehmens mit Aktienbezugsrechten.

Und hier folgt, was man im Bericht 2008 finden kann - und was man nicht finden wird:


I2008 haben wir CHF 16 Milliarden (USD 14,6/EURO 10,5 Miliarden) an Gehältern gezahlt.

Viele Nestlé-Arbeitnehmer würden sehr gern wissen, welches genau ihr Anteil an dieser hübschen runden Summe war und wie er berechnet wurde.

Seit 2007 bemüht sich die Gewerkschaft der Nestlé-Schokoladefabrik Perm, Russland um Verhandlungen über einen Tarifvertrag, um eine Erhöhung der Armutslöhne zu erreichen. Die Betriebsleitung hat es stets abgelehnt, elementare Informationen über die Lohntarife oder etwa gar die Zahl der Arbeitnehmer in jeder Lohngruppe vorzulegen, mit der Behauptung, Informationen dieser Art seien vertraulich und es sei Nestlé-Konzernpolitik, Löhne aus den Tarifverhandlungen herauszuhalten. Es bedurfte sechsmonatiger lokaler, nationaler und internationaler Solidaritätsaktionen und einer Eingabe der IUL bei der OECD, worin aufgezeigt wurde, wie die Unternehmensleitung von Nestlé Russland die OECD-Richtlinen für multinationale Unternehmen verletzte, bis Nestlé endlich widerwillig dieses elementare Arbeitnehmerrecht anerkannte. (Mehr hier.)

Jetzt wiederholt sich dieselbe Geschichte in Indonesien, wo die Unternehmensleitung den Arbeitnehmern der Nescafé-Fabrik in Panjang erklärt, Löhne und Lohntarife seien "vertraulich" und ein "Betriebsgeheimnis". Seit mehr als zwei Jahren warten die Arbeitnehmer auf Verhandlungen, während die Unternehmensleitung gleichzeitig versuchte, die Gewerkschaft zu schwächen, ihren Vorsitzenden an einen videoüberwachten Posten versetzte und sich bemühte, Gespräche und Tarifverhandlungen zu umgehen, indem sie sich an das Arbeitsgericht wandte, damit dieses eine Lösung diktiere.

Nestlé-Arbeitnehmer -"unsere Mitarbeitenden" - und ihre Rechte am Arbeitsplatz leiden zunehmend unter dem Druck, "Mehrwert für die Aktionäre" zu schaffen, wozu Aktienbezugsrechte für Nestlé-Führungskräfte gehören (deren Bezüge im Gegensatz zu jenen vieler Nestlé-Arbeitnehmer in aller Welt im Bericht 2008 für Investoren detailliert dargestellt werden).


Wir sind davon überzeugt, dass erst unsere Mitarbeitenden und ihre Fähigkeiten und Werte Nestlé zu dem Unternehmen machen, das es heute ist. Wir danken ihnen deshalb für ihre Energie, ihren Enthusiasmus und ihr Engagement, denn sie haben entscheidenden Anteil an unserer Geschäftsleistung 2008.

Als die Arbeitnehmer der Nestlé-Speiseeisfabrik in Santo Domingo in der Dominikanischen Republik am 19. Juni 2008 zur Frühschicht kamen, war ihre Fabrik von Sicherheitskräften, Polizeibeamten - und Krankenwagen und Sanitätern umstellt. Die Arbeitnehmer wurden auf den Parkplatz geführt, wo man ihnen erklärte, die Fabrik werde mit sofortiger Wirkung geschlossen. Dann wurden ihnen Abfindungsschecks ausgehändigt. Dieses Beispiel "gemeinsamer Wertschöpfung" entsprach den bereits früher geübten Praktiken in diesem Land, wo eine Fabrik im Januar 2007 die Produktion um 80% steigerte und die Betriebsleitung ihre Belegschaft dadurch belohnte, dass sie 45 reguläre Arbeitnehmer entließ und sie durch Leiharbeiter ersetzte.

Wie in den vorangegangenen Jahren wurde auch im ganzen Jahr 2008 bei Nestlé Brasilien entgegen der gesetzlich vorgeschriebenen 44-Stunden-Woche an sieben Tagen gearbeitet und erst danach ein freier Tag gewährt. Nach Angaben der Gewerkschaft bedeutete dies, dass die Arbeitnehmer im Schnitt 364 unbezahlte Überstunden im Jahr leisteten - ihr Beitrag zu dem, was Peter Brabeck als "ihre Energie und ihren Enthusiasmus" gelobt hat. Erst seit Mai 2009 haben sie das Recht auf einen Ruhetag in der Woche.

Im Juli 2009 trat die Hongkonger Gewerkschaft der Nestlé-Arbeitnehmer in den Streik, um gegen unzumutbare Arbeitsbedingungen zu protestieren, die die Öffentlichkeit empörten, darunter 17-stündige Arbeitstage. Mit Hilfe eines institutionalisierten Systems der permanenten Unsicherheit war bis zu ein Drittel der Belegschaft auf der Grundlage von Gelegenheitsverträgen tätig. Die Unternehmensleitung brach ihr Versprechen, Gelegenheitsarbeitnehmern (von denen viele bereits seit zehn Jahren in dem Betrieb tätig waren) in ein Dauerbeschäftigungsverhältnis zu übernehmen, indem sie einen nach dem anderen entließ, ehe sein Vertrag ablief. Die Gewerkschaft wartet immer noch auf ihre Anerkennung und auf Verhandlungen über einen neuen Tarifvertrag.

Hinter dem Gerede über "unsere Mitarbeitenden" verbergen sich immer mehr "Zeitarbeiter", Gelegenheitsarbeiter und ausgelagerte Arbeitnehmer sowie Arbeitnehmer, die für dritte Vertragsunternehmen in nicht zu Nestlé gehörenden Fabriken Markenerzeugnisse des Unternehmens produzieren. Diese nicht zu Nestlé gehörenden Nestlé-Arbeitnehmer leisten einen Beitrag zu den steigenden Gewinnen, Umsätzen und Dividenden von Nestlé, indem sie häufig Seite an Seite mit "regulären" Nestlé-Arbeitnehmern Nestlé-Produkte herstellen, verpacken, transportieren und ausliefern. Das Unternehmen betrachtet sie jedoch nicht als "Nestlé-Mitarbeitende".Sie werden zu schlechteren Bedingungen als die immer weniger werdenden permanenten Arbeitnehmer beschäftigt und bleiben von den meisten Sozialleistungssystemen ausgeschlossen. Sie können auch nicht den Gewerkschaften beitreten, die mit Nestlé verhandeln, was ein wesentliches Element der Konzernstrategie ausmacht, die Fähigkeit der Arbeitnehmer zu beschränken, die Rechte, die Nestlé angeblich einhält, in der Praxis auszuüben.

Nestlé konnte ("erstmals") Daten über den Energieverbrauch und die CO2-Emissionen veröffentlichen, weshalb die IUL ihre Forderung von 2008 wiederholt, erstmals genaue Daten für alle Länder, in denen Nestlé tätig ist, über die Zahl der direkt und indirekt beschäftigten Arbeitnehmer vorzulegen, die Nestlé-Erzeugnisse herstellen, darunter ausgelagerte Arbeitnehmer, Leiharbeiter, "Zeitbeschäftigte" und Arbeitnehmer, die für Dritte tätig sind ("Verpackungspartner").


2008 eröffneten wir ein neues F&E-Zentrum für Nahrungsmittelqualität und -sicherheit in Peking, in das wir über CHF 11 Millionen (USD 10/EURO 7,2 Millionen) investiert haben. Damit belaufen sich unsere F&E-Investitionen in China auf insgesamt CHF 21 Millionen (USD 19,2/EURO 13,8 Millionen). Nestlé Forschung beschäftigt mittlerweile über 100 Mitarbeitende im Land.

Im Sommer 2008 starben mindestens vier Säuglinge an einer Melamin-Vergiftung durch chinesische Milcherzeugnisse, 53 000 weitere erkrankten und etwa 13 000 mussten in Krankenhäuser eingeliefert werden. Während andere Hersteller von Milchprodukten Rückrufaktionen starteten und die Produktion aussetzte, versicherte Nestlé, für das Öffentlichkeitsarbeit wichtiger als Sicherheit war, "dass keines unserer Produkte in China aus Milch hergestellt wird, die mit Melamin verunreinigt ist". Kurz darauf stellte die Hongkonger Regierung Spuren von Melamin in einem Milchprodukt von Nestlé fest, das auf dem chinesischen Festland hergestellt worden war. Nestlé reagierte mit einer Presseerklärung, wonach alle seine in China hergestellten Milchprodukte "absolut sicher" seien.


Fortschrittliches Know-how im Bereich der Ernährungs- und Nahrungsmittelwissenschaft führt zu laufenden Produktverbesserungen und den besten Produkten am Markt. Den höchsten Stellenwert nimmt hierbei natürlich die Sicherheit ein.

Die US-amerikanische Bundesbehörde für Lebensmittel- und Arzneimittelsicherheit (FDA) teilte am 29. Juni mit, dass in einer Cookie-Teigprobe aus der Nestlé-Fabrik in Danville, Virginia, E-Coli-Bakterien nachgewiesen wurden. Beamte der FDA hatten den Betrieb ins Visier genommen, weil er als wahrscheinliche Quelle für das Auftreten von E-Coli-Bakterien ermittelt worden war, das zur Erkrankung von 70 Personen in 30 Bundesstaaten geführt hatte, von denen die Hälfte in Krankenhäusern behandelt werden musste.

Wie die FDA berichtet, habe die Nestlé-Unternehmensleitung über die letzten fünf Jahre Bundesermittlern den Zugang zu Sicherheitsunterlagen des Betriebs verwehrt. So seien ihnen insbesondere der Einblick in das Dossier Verbraucherbeschwerden, das Programm Ermittlung von Lebensmittelverunreinigungen und die Schädlingsbekämpfungsunterlagen, die Fotografiererlaubnis und Informationen über den Handelsverkehr zwischen einzelnen Bundesstaaten (den Bereich einer möglichen Verunreinigung) verweigert worden.

Der in dem Teig festgestellte Bakterienstamm E-Coli 0157:H7 ist eine besonders tödliche E-Coli-Variante.

Nestlé hat die Teigproduktion am 18. Juni eingestellt, produziert in dem gewerkschaftsfreien Betrieb aber weiterhin Pasta und Soßen.


Wir stehen in permanentem Austausch mit einer Vielzahl von Ansprechsgruppen: mit Regierungs- und Zulassungsbehörden im Rahmen unserer Bemühungen um die Einführung und Umsetzung sinnvoller Gesetze und Reglementierungen; mit Nichtregierungsorganisationen, die sich für einen konstruktiven Dialog und ein prinzipientreues Verhalten einsetzen; mit akademischen und Branchengremien, die uns helfen, Wissen zu generieren; und mit lokalen Gemeinschaften, zu deren Wohl wir beitragen.

2008 gab es noch mehr Klagen gegen Nestlé Waters in Nordamerika von lokalen Gemeinschaften, die die wahre Bedeutung der Bemühungen von Nestlé, zu ihrem Wohl beizutragen, nicht erkannt hatten. Nestlé reagierte mit Nesdialog - indem es eine Gegenklage nach der anderen einreichte. Ein Teil der Aussagen von Nestlé im Obersten Gerichtshof von Maine - wo das Unternehmen ständig argumentierte, der Widerstand von Gemeinden gegen den gewerblichen Zugang des Unternehmens zu öffentlichen Wasserressourcen verletze sein Recht auf Optimierung seines Marktanteils und sei deshalb "wettbewerbsfeindlich" - können bei YouTube nachgelesen werden (nicht aber im Geschäftsbericht).

Gleichzeitig haben absurde Behauptungen wie "Wasser in Flaschen ist das umweltverträglichste Konsumerzeugnis der Welt" und zweifelhafte Erklärungen über Umweltkonsequenzen zu Gruppenklagen von Konsumenten- und Umweltgruppen gegen das Unternehmen geführt. Die Arroganz des Konzerns, die er in China und bei den Wasserkonflikten demonstriert hat, ist eine offene Aufforderung zu Klagen, bei denen es um Produkthaftung, Wahrheit in der Werbung und Umweltfolgen geht.

Die Arroganz zeigt sich auch darin, dass Nestlé selbst bestimmen will, welche Nichtregierungsorganisationen "sich für einen konstruktiven Dialog und ein prinzipientreues Verhalten einsetzen" und welche Forscher dazu helfen, "Wissen zu generieren". Der französischsprachige Schweizer Fernsehsender TSR berichtete im vorigen Jahr, dass Nestlé im Herbst 2003 das private Sicherheitsunternehmen Securitas engagiert hatte, um eine Gruppe von Mitgliedern der Organisation Attac zu infiltrieren, die für ein Buch über Nestlé recherchierten. Zu seiner Rechtfertigung gab Nestlé gegenüber der Fernsehgesellschaft eine Erklärung ab, worin das Unternehmen auf die Notwendigkeit verwies, seine Liegenschaften während des G8-Gipfels 2003 zu schützen, der in Evian, Frankreich, auf der anderen Seite des Genfer Sees stattfand. Allerdings fand der G8-Gipfel vom 1. bis 3. Juni 2003 statt, also drei Monate ehe die Überwachung begann. Darüber hinaus hat die deutschsprachige Schweizer Wochenzeitschrift WOZ seither enthüllt, dass Securitas noch im Herbst 2003 Mitarbeiter für diese verdeckte Tätigkeit anwarb.

"Fairness, Ehrlichkeit und Rücksichtnahme auf den Menschen"?


In dieser Krise geht es um die zentrale Frage des Vertrauens

Der Bericht 2008 weist rückläufige Investitionen in Sachanlagen und eine Nettoverschuldung in Höhe von 28,7% des Eigenkapitals auf (weniger als 2007, doch hat die üppige Kreditaufnahme in diesem Jahr die finanziellen Verbindlichkeiten des Unternehmens verdoppelt). Der ausführliche Finanzbericht lässt auch erkennen, dass immer höhere Beträge in Finanzderivaten angelegt wurden, deren jüngste Explosion gewaltige Löcher in zahlreiche Konzernbilanzen gerissen hat. Die Behandlung von Derivaten im ausführlichen Finanzbericht ist eine Musterlektion über Obskurantismus. Anleger könnten sehr wohl Fragen zur langfristigen Tragfähigkeit eines "Nestlé-Modells" stellen, demzufolge die Aktienrückkäufe um 56% stiegen und eine um 14,8% höhere Dividende beantragt wird, alles zu Lasten der Sachinvestitionen und mit Hilfe von Veräußerungen, Vergelegentlichung der Beschäftigung und Auslagerungen, um diese Rückkäufe und Dividenden zu finanzieren.



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