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Geflügelarbeitergewerkschaften weltweit sagen, sichere Lebensmittel beginnen mit der Sicherheit der Arbeitnehmer

4 June 2012 Feature
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Die Gewerkschaften, die die in der Geflügelverarbeitung tätigen Arbeitnehmer/innen in den Vereinigten Staaten vertreten, haben sich nachdrücklich gegen eine vorgeschlagene neue Regel ausgesprochen, für die sich die Branche einsetzt und der zufolge staatliche Kontrolleure durch brancheninterne "Selbstkontrolle" ersetzt werden sollen und das Tempo der ohnehin schon gefährlich hohen Bandgeschwindigkeiten, in dem Hühner verarbeitet werden, erheblich gesteigert werden soll.

Nach der vorgeschlagenen Änderung der Regeln der für Lebensmittelsicherheit und -kontrolle zuständigen Stelle (Food Safety and Inspection Service (FSIS) könnten die Bandgeschwindigkeiten von derzeit 80-140 auf bis zu 175 Tiere pro Minute steigen, während gleichzeitig die Arbeiter/innen mit der "Kontrolle" jedes Tieres beauftragt würden! Die Regeländerung wird als " Gesundheitsbasiertes Schlachtkontrollsystem" propagiert trotz der sich häufenden Schädigungen von Arbeitern und Arbeiterinnen, des hohen Anteils an kontaminierten Erzeugnissen und erdrückender Beweise, die den Zusammenhang zwischen hohen Verarbeitungsgeschwindigkeiten und hohen Unfallraten und schweren Schäden durch wiederkehrende Belastungen belegen.

Die UFCW, die grösste Gewerkschaft, die die amerikanischen Geflügelarbeiter/innen vertritt, hat die FSIS scharf kritisiert, weil sie die vorgeschlagenen Regeln unter Hinweis auf die grössere Produktivität und Flexibilität befürwortet hat, die sie für die Unternehmen mit sich bringen würden, während sie die Auswirkungen der erhöhten Bandgeschwindigkeiten auf die Beschäftigten ausgeblendet hat.

Der Präsident der UFCW, Joe Hanson, hat die Regierung aufgefordert, die vorgeschlagenen Regeländerungen bis zum Abschluss einer umfassenden Untersuchung über betriebliche Gesundheit und Sicherheit in der Geflügelindustrie zurückzustellen, und betont, dass " sichere Lebensmittel nur dann wirklich garantiert werden können, wenn die Arbeitnehmer/innen sicher sind." (Die UFCW-Erklärung über Bandgeschwindigkeiten, Schädigungen von Beschäftigten und Lebensmittelsicherheit ist hier erhältlich.)

In Australien knüpft die National Union of Workers (NUW) an ihren erfolgreichen Streik im letzten Jahr gegen den massiven Einsatz von Zeitarbeit in einem Baiada-Geflügelbetrieb und an den Start ihrer Kampagne "Better Jobs 4 Better Chicken" an mit dem Ziel, feste Anstellungen, sicherere Arbeitsplätze und die Erzeugung von besseren Hähnchen zu erreichen.

Die NUW hat jetzt die Ergebnisse ihrer Betriebs-befragung veröffentlicht. Der Bericht (hier erhältlich) unterstreicht die enormen Kosten, die den Beschäftigten und den Verbrauchern durch das erbarmungslose Streben der Branche nach einer Senkung der Arbeitskosten entstehen. In Australien nehmen nicht nur Erkrankungen und Todesfälle auf Grund von Lebensmittelvergiftung zu, wobei die meisten auf die hauptsächlich in Hühnern zu findenden Salmonellen- und Campylobacter-Bakterien zurückzuführen sind. Der Bericht stellt neuere Untersuchungen heraus, die zeigen, dass die Auswirkung dieser beiden Bakterien weitaus grösser ist, als die Zahl der Todesfälle allein aussagt: die Exposition gegenüber diesen beiden Bakterien kann das Risiko einer Durchschnittsperson, innerhalb eines Jahres an einer Krankheit oder irgend einem anderen Zustand zu sterben, verdreifachen.

Der Bericht enthält Beweise für massive Auslagerung bei Baida (Australiens grösstem Produzent) und anderen Unternehmen durch Vertragsarbeit und andere Systeme zur Auslagerung von Beschäftigung und bringt dies in Zusammenhang mit unsicheren Arbeitsbedingungen und einer Zunahme von kontaminierten Erzeugnissen. Indirekt beschäftigte Geflügelarbeiter/innen werden nicht nur schlecht bezahlt und arbeiten unter gefährlichen Bedingungen, sie sind in der Regel auch unzureichend ausgebildet, werden befristet eingesetzt, und die Wahrscheinlichkeit, am Arbeitsplatz ums Leben zu kommen, verletzt zu werden oder zu erkranken, ist bei ihnen sehr viel grösser als bei ihren direkt beschäftigten Kollegen und Kolleginnen. Zu den wesentlichen Regulierungsmassnahmen, die in dem Papier aufgeführt werden, gehört die Forderung nach einer strengen Regulierung der indirekten Beschäftigung. Für die NUW sind bessere Arbeitsplätze die unerlässliche Voraussetzung für bessere Hähnchen.

In Brasilien, wo berufsbedingte Schädigungen ein verheerendes Ausmass erreicht haben, steht der Kampf um die Verlangsamung der Bänder im Mittelpunkt der Kampagne der IUL und ihrer Mitgliedsverbände mit dem Ziel , die Gewerkschaftsorganisation zu stärken und die Arbeitsweise der Geflügelindustrie zu ändern. Die Bandgeschwindigkeiten gehören dort zu den höchsten der Welt, während die niedrigen Produktionskosten Brasilien zu einer bedeutenden Exportplattform gemacht haben. Die vor kurzem erfolgte Fusion von Sadia und Perdigao hat zur Gründung eines neuen Unternehmens mit der Bezeichnung Brasil Foods (BRF) geführt, das jetzt 25 Prozent des Weltgeflügelmarkts kontrolliert.

In diesem Jahr brachte der Nationale Lebensmittelarbeiter/innenverband (CONTAC) seine Kampagne für menschenwürdige Arbeit in der Geflügelindustrie auf dem Thematischen Sozialforum in Porto Alegre ein, das vom 24.-29. Januar zur Vorbereitung auf die Rio+20-Sitzungen veranstaltet wurde.